Babys und Blitze

Babys dürfen nicht geblitzt werden. Das habe ich in den letzten Tagen doch wieder öfter gelesen – und musste mir auch anhören, ich sei kindfremd, möglicherweise ein Sadist. Den Worten einer Hebamme wird (logischerweise) eher vertraut, da sie eine Neugeborenen-Erfahrene ist. In wohl allen Belangen des Gebährens und der Neugeborenenpflege ist Ihr Wissen goldrichtig. Nur, was weiß sie über das Blitzen und woher kommt diese Angst, ein Fotoblitz könnte dem Baby wehtun? Ich bin auch kein Arzt Fachrichtung Optik und Auge, aber ich fragte mich gerade, ob es eine Mär ist, die sich festgebohrt hat – ähnlich der angeblichen Plastizität von Kleinbildfotos.

Grundsätzliches

Ein Blitz hat einen extrem höheren Energiegehalt als normale Lichtgeber wie Glühbirne oder Scheinwerfer. Von einem 430EX, einem typischen kleineren Aufsteckblitz, wird in einem „Augenblick“ von etwa 1/1000s eine Energie von etwa ~50 Watt/Sekunde(Ws) bzw. Joule umgesetzt. Das entspricht der Energie einer 50W-Glühbirne, die etwa 1 Sekunden strahlt, oder einer 500W Glühbirne in einer Zehntel-Sekunde oder – Achtung – eines 5.000W Scheinwerfers in 1/100 Sekunde. Im Veranstaltungsbereich werden gerne Atomic 3000 verbaut, Blitze mit einer Nennleistung von 1500W@100V, der Lichtoutput müsste um die 12.000 Joule pro Blitz betragen – und derer ist die hintere Wand bei TV-/Rockshows übersät (siehe geschätzte 60 Stück beim Echo 2012 MarylinManson/Rammstein). Nur: Die Art, Menge und Entfernung spielen eine erhebliche Rolle, wenn es um schädliche Auswirkungen von Licht/Blitz geht, zB ist Schweißen mit Lichtbogen so eine gefährliche Sache..

physische/biologische Umstände

Das menschliche Auge ist im Grunde genommen bei der Geburt voll ausgebildet, ich habe keinen fundierten Artikel gefunden, wo geschrieben wird, dass im Auge des Neugeborenen aufgrund der einsetzenden Tätigkeit des Sehens noch etwas dazuwächst oder „abstumpft“. Das Auge ist erstmal weitsichtig, es wird wohl mit dem Augeninnendruck zu tun haben, welcher sich an die neuen Verhältnisse anpassen muss, sprich, Scharfstellen(Akkomodation) kommt mit der Zeit. Die Pupille/Iris als Solche ist voll funktionsfähig, sie übernimmt die Adaption, das Anpassen des Lichteinfalls. Ganz wichtig: Die Adaption läuft unbewusst ab(!), der Körper selbst bestimmt aufgrund der auftretenden Lichtmenge die Größe der Pupille und wird nicht erlernt, ist also bei Erwachsenen und Babies gleich. Ärzte sagen, dass man dem Neugeborenen einige Stunden zum Gewöhnen an die neuen Lichtverhältnisse geben sollte. Kein Wunder, es kommt aus dem ständigen Dunkel – das unterscheidet sich in keinster Weise von einem Erwachsenen, der tagelang in Finsternis lebte und dann ans Tageslicht kam (Extrembeispiel Arbeiter im Untertagebau).

Die Anpassung der Pupille läuft in Relation zum Blitz extrem viel langsamer ab, ein Blitz wird seine Energie längst abgegeben haben, wenn das Auge anfängt zu reagieren. Das gilt für Neugeborene gleichermaßen wie für Erwachsene. Somit ist in dieser Hinsicht kein Unterschied zwischen Jung und Alt festzumachen.

bewusste Reaktionen

Reaktionsverhalten dient der Abwehr/Abmilderung von Problemen und Schäden. Dies sind erlernte Aktionen, die ein Baby nicht hat. Hier muß man ganz richtig sagen, dass das Blitzen von Babies eine ungewohnte Aktion ist, auf die das Kind nicht reagieren kann, schlicht, weil es diese Aktion nicht kennt. Zudem muß man dem Kind das Interesse zugestehen, dass es hinschauen wird, was da in die Höhe gehalten wird und blitzt Nur: Inwieweit hat das mit der Fotografie oder irgendwelchen Schäden zu tun? Dreht sich eine Person vom Blitz weg oder schliesst die Augen, ist das Foto eh für die Tonne, das ist bei Erwachsenen nicht anders. Wenn sich eine Person auf das Geblitztwerden einstellt, so hat das keine Auswirkung auf die Adaption des Auges, sondern nur auf die innere Biologie, zB auf die Menge der Adrenalinausschüttung und sonstiger Stresshormone, als Vorsicht/Achtung-Signal für den Körper. Man müsste nun also folgern, dass es bei Babies zu höherem Streßhormonausstoß kommt. Ist das nun gefährlich? Bedrohlich? Schädlich? Ein frisch Geborenes hat einen höheren Noradrenalingehalt als ein Erwachsener beim Herzanfall.. Interesant, oder?

Die Psychologie dahinter

Solange ein Kind sich nicht selbst verteidigen kann, nehmen die Eltern die Schutzrolle ein. Absolut menschliche Eigenschaft. Nur: In diesem Fall entscheidet der Erwachsene darüber, was bedrohlich ist und wie geschützt werden soll. Das bedingt Wissen und Erfahrung. Und hier liegt wohl der (zweit)größte Denkfehler beim Babies-Blitzen begraben. Der Erwachsene hat gehört (oder erfahren?!), dass Babys blitzen schädlich ist und möchte sein Kleines nicht diesem Streß aussetzen, also wird er diesen Moment vermeiden wollen. Just dann darf sich der Erwachsene fragen, woher er diese Erfahrung nimmt.. Totgeblitzt worden ist noch Niemand, geblitzdingst wurden die Menschen auch nur in „Men-In-Black“. Sind es Ansichten und metagesellschaftliche Erfahrungen aus den großen Katastrophen? Ein Blitz ist ein Vorbote des Schrecklichen.. Ein Gewitterblitz kann Schäden hervorrufen, der Blitz einer Atombombe ist durch Dokumentationen bekannt, eine Explosion bedingt auch einen Lichtimpuls. Rhythmische Lichtimpulse können Epilepsien hervorrufen, das Gehirn schaltet sich ob der Informationsüberlast einfach mal aus.

Bei aller Liebe und Fürsorglichkeit zum eigenen Kind und zum Erfolg eines Bildes mit Blitz sollten die Eltern mal in Ruhe durchdenken, was da gerade wer wie entscheidet.. Interessant ist, dass (A) dieses Wissen über „Was-ist-gut/schlecht-für-mein-Kind“ nach Geschlecht unterschiedlich ausfällt und (B) in vielen Köpfen der Sympathiefaktor entscheidet, ob geblitzt werden darf. Ein geblitztes Kompaktknippsenbild mit der besten Freundin ist ein „na-klar“, ein Handybild von den (verhassten) Schwiegereltern ein „no-go“. Ach ja, die Psyche und sein Kind..

Das Foto an sich

Kurz vor dem Ende kommen wir zum größten Fehler in der Denke des besorgten Elternteils. Soll ein geblitztes Foto aussehen? Dann wird der erfahrene Fotograf nicht frontal aus kürzester Nähe den vollaufgeladenen Blitz nutzen. Das passiert nämlich den schnell-mal-Knippsern oder Blitzunerfahrenen. Der wissende Fotograf wird den direkten Blick des Kindes in den Blitz vermeiden, indirekt blitzen, die Blitzleistung auf den nötigen Anteil herunterschrauben und im passenden Fall sogar weglassen. Und auch dies ist nicht auf das Fotografieren eines Neugeborenen beschränkt, sondern betrifft alle fotografischen Aktionen. Die einzige Kritik wäre demnach, dem unwissenden Fotografen auf die Finger zu hauen. Jener soll nicht so einen Terz machen, nur, weil er jetzt nen Blitz hat.

Lieber Fotograf, Ja, Du darfst den Blitz benutzen, ich hoffe Du hast Dir Gedanken gemacht, warum Du das tust. Setze unser liebes neue Etwas nicht unnötig unter Streß, es will mit Blitzen keine schlechte Erfahrungen machen.

Nachtrag: Jede Information zum Thema, besonders von Ärzten und Wissenschaftlern sei hier gerne gehört und verlinkt. Falsche Mutmaßungen von mir sind nicht absichtlich, sondern entspringen lediglich einem Gedankengang, der durch Erklärungen widerlegt werden darf.

Quellenverweise/Links:
Leitzahl Ws und Joule
Wikipedia Schweißen Gefahren/Maßnahmen
Lichtsinne
Oxytocin – das Liebeshormon
Familie.de – Blitzen bei Babys muß nicht sein
DSLR-Forum.de – Thread zur Frage, ob man Blitzen darf

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